Ohne Titel
Einstens lebte ein armer Bauer. Er besaß einen kleinen Acker, auf welchem er Obstbäume anbaute. Über die Jahre sank jedoch die Zahl seiner Bäume un der konnte sich keine neuen Pflanzen leisten. Als er eines Tages nur noch über 8-9 Exemplare verfügte, überlegte sich der Bauer, ob er nicht die Landwirtschaft aufgeben sollte, um irgend wo anders sein Glück zu suchen, doch er entschloss sich, bei seinen Wurzeln zu bleiben und seinen Acker noch ein Jahr zu bestellen. Die Zeit verging, der Winter kam und unser Bauer hatte kaum genug Nahrung, um die kalten Monate zu überstehen. Lediglich 11 Körbe Obst gaben seine Bäume noch her und obwohl das eine recht geringe Ausbeute war, so war unser Landwirt zufrieden, da er die widrigen Umstände kannte unter denen die 11 Obstkörbe hervorgebracht wurden. So halfen die alten Herren des Dorfes unserem Bauern immer wieder, damit zumindest dieser Ertrag eingefahren werden konnte.
An einem kalten Februarabend betrat unerwartet der Landvogt die Hütte des Bauern und erzählte ihm, er habe in der Stadt zwei weitere Bäume für seine Plantage erworben , er ist sich aber nicht ganz sicher, ob diese Pflanzen genauso ertragreich sind, wie jene, die bereits auf seinen Ländereien wachsen. Deshalb bot er dem Bauern einen Baum zur Pflege an. Bestärkt durch dieses unerwartete Geschenk, nahm unser Landwirt seine letzten Ersparnisse zusammen, um in der Baumschule noch ein Exemplar zu erstehen, damit zumindest alle Plätze auf seinem Acker bepflanzt werden können.
Der Frühling brach herein und alle Bäume schlugen aus. Sie brachten reichlich Knospen hervor, welche sich in zahlreiche Blätter, aber auch Blüten verwandelten und unser Bauer sah voller Zuversicht dem kommenden Sommer entgegen. Als er erfuhr, dass sein Lehnsherr weitere Bäume aus benachbarten Latifundien erhalten hatte und weil auch die äußeren Bedingungen auf ein ertragreiches Jahr hindeuteten, hoffte der Landwirt auf eine Rekordernte.
Doch der rosa Himmel sollte bald von ersten Wolken bedeckt werden. Abermals besuchte der Landgraf unseren Bauern, doch diesmal kam er mit leeren Händen. Er forderte den in Pflege gegebenen Baum zurück und auch auf das junge Bäumchen erhob er seinen Anspruch. Pflichtbewusst fügte sich der Landwirt in sein Schicksal, erhielt aber im Gegenzug die Versicherung, dass ihm sein Gutsherr andere Pflanzen zur Verfügung stellen werden. Der Herr meinte: „Ich gebe dir zum Tausch Pflanzen aus meinen Feldern. Diese sind etwas anspruchsvoller, versprechen aber reiche Ernte. Ich werde dir die Orte vorgeben, wo welcher Baum die für ihn besten Bedingungen vorfindet und du sollst dich an ihren Früchten laben.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Gutsherr und der Bauer wartete auf seine Rückkehr. In der Zwischenzeit blieb er nicht untätig. Es wurden weitere Pflanzen aus der Baumschule geholt und auch ein alter Baum, der schon auf so manchem Feld in der Umgebung stand und sogar auf Kunstrasen gedieh, kehrte in seine Heimaterde zurück – und sollte auch die erwarteten Früchte tragen.
Bei den jungen Bäumen zeigte sich jedoch sehr schnell, dass sie noch einige Zeit bis zur ersten Ernte benötigen. Zwar ist das eine oder andere Blättchen zu erkennen, aber bis zur ersten Blüte werden noch einige Jahre ins Land gehen.
Da die Rückkehr des Landvogts auf sich warten ließ, der Beginn der Erntezeit jedoch nahte, machte sich unser Bauer auf, um seinen Herren an dessen Versprechen zu erinnern. Doch bereits auf dem Weg zum fürstlichen Gut sanken seine Hoffnungen. Er durchquerte die Obstplantagen und sah Schädlinge und kranke Bäume und es wurde ihm bewusst, dass der Graf nun an seine eigene Ernte denken musste und ihm deshalb keine Unterstützung anbieten könne. Als der Lehnsherr seinen Untergebenen sah, eilte er ihm entgegen und schilderte ihm sein Schicksal. Um unseren Bauern dennoch zu unterstützen, bot er ihm an, bei der Veredelung von dessen Bäumen zu helfen, um somit zumindest die Erträge der Pflanzen zu steigern, welche unserem Landwirt zur Verfügung standen.
So begann die Erntezeit…
Anfänglichen Erfolgen folgte eine lange Durststrecke. Es kam mit zunehmendem Wachstum der Blattkronen und Früchte dazu, dass sich die Bäume gegenseitig Licht und Wasser nahmen. Unser Bauer begann mit dem Aus- und Rückschneiden der Äste, war dabei aber, durch die Missernte des Vorherbstes, zu übervorsichtig. Bestes Beispiel dafür geben zwei Exemplare, deren Entwicklung im letzten halben Jahr gegensätzlicher hätte nicht verlaufen können. Beide Bäume sind etwa gleich alt und der Bauer kannte sie bereits aus der Baumschule. Später standen sie mal auf des Landwirts Acker und mal auf der Plantage wechselnder Gutsherren. In diesem Sommer wurden beide wieder in das Feld unseres Bauern gebracht. Und während sich einer bald recht tief verwurzelte, blieb die Bodenhaftung des zweiten nur oberflächlich. Als jedoch die Zeit der Fruchtbildung heran brach, hing der flach wurzelnde Baum über und über voll Obst, deutlich mehr als beim anderen. Die Wochen vergingen und der Bauer erkannte, dass er den übervollen Baum etwas zurückstutzen und ausgeizen musste. Es wurden einige Äste und Zweige entfernt, allerdings wäre ein richtiger Erziehungsschnitt notwendig gewesen, denn zur Erntezeit waren die Früchte des Baumes nur von mäßiger Größe und viele wurden zu Fallobst und dienten den Tieren des Feldes als Speise. Im Gegensatz dazu wurde das Obst der anderen Pflanze groß, saftig und süß und zählte zu dem Besten, was der Acker des Bauern im vergangen Jahr hervorbrachte.
Auch zwei Bäume welche beide am hinteren Rand des Feldes wuchsen und die beide nicht besonders kraftvoll aussahen, sie hatten wenig Blätter und einen Hang zum Verkahlen, brachten große Erträge. Einer von beiden wurde am Ende sogar Baum des Jahres und das in der ersten Saison, nachdem er im Vorjahr krankheitsbedingt keine Früchte hervorbringen konnte.
Und auf der linken Seite des Feldes stand ein Rosenstrauch. Auch dieser brachte schöne Blüten und Hagebutten hervor. Und da er jedes Jahr wieder blühte und wuchs, da er wenig Pflege bedurfte und weil der Strauch auch auf schlechtem Boden Früchte trug, war der Bauer mit ihm zufrieden. Aber eines Frühlings, als die Gläubigen das Fest der Heimkehr ihres Erlösers begingen, setzte sich ein Vögelchen in den Busch und baute sich ein Nest. Und dem lieblichen Lockruf des Tieres folgten bald weitere und bauten ihre Nester. Es wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätten die Vögel nicht damit begonnen, die Früchte der anderen Bäume zu fressen oder anzupicken, was zu deren Verderb führte. Unser Bauer, die Reduzierung seiner Ernte erblickend, wurde von heiligem Zorn erfüllt und versuchte, die Störenfriede zu vertreiben. Dabei schoss er bisweilen auch mit Kanonen auf die Spatzen, was allerdings wenig Erfolg zeigte. Letztlich wurde der Vogelschwarm Ende Oktober nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich zog er gen Süden ins Winterquartier. Unser Bauer hat aber aus der Verwüstung gelernt. Sollte die Vogelschar im Frühjahr wiederkehren, gibt es zwei Mittel. Entweder eine Beizjagd, für welche jedoch ein noch größerer Vogel nötig ist, wodurch nicht unbedingt ein Vorteil entstehen muss oder man muss den Wirt beseitigen um den Parasiten los zu werden, getreu dem Bibelwort:
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein jeglicher gute Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum aber, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Hoffen wir, dass die Vogelschar nicht wieder auf das Feld des Bauern zurückkehrt und somit unserem Landwirt die Wahl eines der beiden Mittel erspart bleibt.
Und so kam der Herbst und färbte das Laub. Ein Baum hatte schnell 5 gelbe Blätter, ein anderer färbte sich gänzlich rot. Und eines Sonntages zog ein Sturm über das Land und brach noch drei fruchttragende Bäume um, sodass diese zur Zeit der Spätlese auch nicht mehr zur Verfügung standen. Der Lehnsherr hatte Mitleid mit seinem Bauern und gab von seinen Früchten einen Anteil ab. Auch der Einsatz des Altsaarbrücker Flüssigdüngers zur Kopfdüngung brachte dann noch eine unverhoffte Ertragssteigerung.
Letztlich steht der Bauer zur Weihnachtszeit wieder in seinem Keller und betrachtet seine Ernte. Er erkennt, dass er 12 Obstkörbe eingebracht hat, gerade ein Korb mehr als im Vorjahr und er wird gewahr, dass mehr Bäume nicht unbedingt die Ernte vergrößern, aber die notwendigen Arbeiten deutlich erhöhen.
Und es bleibt, wie in all den Jahrhunderten zuvor:
Während der Bauer hungert, hat der Adel die Kornkammern voll!
Aber, da der Gutsherr in unserer Geschichte ein durchaus rechtschaffener, mildtätiger und freigiebiger Herrscher ist, bleibt im zu wünschen, dass die Bäume seiner Plantage im kommenden Jahr von Schäden und Krankheiten verschont bleiben und dass im Juni Erntedank gefeiert werden kann!
